Nieheim – Der Kreis Höxter, die Stadt Nieheim und MED OWL veranstalteten einen gemeinsamen Aktionstag mit jungen Medizinstudierenden der Universität Bielefeld.
Der erste Teil der Veranstaltung fand im Seminarraum des Nieheimer Richterhauses statt. Oliver Backhaus aus dem Bereich Gesundheitsvorsorge beim Kreis Höxter berichtete zunächst über die aktuelle medizinische Versorgungssituation in unserer Region. Die Städte Steinheim, Nieheim, Marienmünster und Höxter seien mit Blick auf das Verhältnis von Hausärztinnen und Hausärzten zu Einwohnerinnen und Einwohnern aus statistischer Sicht schon heute unterbesetzt. Neue Patientinnen und Patienten würden häufig nicht mehr aufgenommen werden und müssten längere Fahrtwege (z.B. nach Beverungen) in Kauf nehmen. Der Kreis Höxter, so Backhaus weiter, weise darüber hinaus einen hohen Anteil von Hausärztinnen und Hausärzten aus, die bereits über 60 Jahre alt sind – in wenigen Jahren kann eine Unterversorgung drohen, sofern die Praxen keine Nachfolgerinnen und Nachfolger finden.
„Maßnahmen wie der Aktionstag in Nieheim sollen die Entwicklung umkehren und aufzeigen, wie attraktiv der Kreis Höxter und seine 10 Städte für junge Ärztinnen und Ärzte sein können. Darum danke ich der Stadt Nieheim für die hervorragende Unterstützung an dieser Stelle und dafür, dass dieses Event überhaupt möglich gemacht werden konnte“, so Backhaus. Zusammen mit Bürgermeister Johannes Schlütz hatte der Kreisvertreter die besonderen Vorzüge der Region aufgezeigt: Günstige Bauplätze, stressfreie Fahrtwege, ein sehr gutes Bildungssystem, tolle Freizeitmöglichkeiten, u. v. m.
Dr. Matthias Kros, praktizierender Hausarzt in Nieheim, untermauerte die besondere Attraktivität einer Hausarztpraxis auf dem Land mit einer Führung durch die Praxisräume. Er schilderte seinen Arbeitsalltag und zeigte auf, wie dies auch in einer Einzelpraxis gut zu bewältigen sei. Nach verschiedenen beruflichen Stationen und Jobangeboten habe er sich für die Gründung einer Hausarztpraxis in Nieheim entschieden und bereut diesen Schritt bis heute nicht. Er wünsche sich zwar weniger Bürokratie, aber schätze die Arbeit als Hausarzt sehr – auch wenn sein Arbeitstag mit Vor- und Nacharbeiten regelmäßig mehr als 8 Stunden umfasst. Eine Arbeitsentlastung könne sicherlich durch die Anstellung einer weiteren Ärztin oder eines weiteren Arztes erreicht werden. Dr. Kros möchte jedoch nicht das Risiko eingehen mit jemandem zusammenzuarbeiten, die oder der nicht zu ihm passt: „Wie bei einer Ehe muss da alles perfekt zusammenpassen, sonst kann der Schuss auch nach hinten losgehen und die Arbeit als Hausarzt über Monate belasten.“
Die junge angehende Ärztin, Estella Urban aus Brakel, die sich aktuell im letzten Ausbildungsabschnitt ihres Medizinstudiums im sogenannten "Praktischen Jahr" befindet, schilderte ihren Werdegang. Dieser begann nach dem Abitur mit einer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin am Uniklinikum Münster. Während ihres Medizinstudiums an der Universität Göttingen arbeitet sie nebenbei in der Krankenpflege. Ein naher Kontakt zu den Patientinnen und Patienten sei ihr sehr wichtig, so Urban. In Zukunft möchte sie in einer Hausarztpraxis in ihrer Heimatstadt praktizieren. Den großen Vorteil gegenüber einer Anstellung als Ärztin im Krankenhaus sieht sie darin, ein Leben ohne Schicht- und Wochenenddienste führen zu können. Zudem ließe sich der Beruf des Hausarztes deutlich einfacher mit der privaten Familienplanung vereinbaren. In der ländlicheren Region ärztlich tätig zu sein, biete für sie zudem mehr Lebensqualität aufgrund von kürzeren Arbeitswegen, größerem Wohnraum, weniger Hektik im Vergleich zur Großstadt und der Nähe zur Natur. „Eine gute Anbindung an größere Städte ist hier zudem auch gegeben“, so Urban abschließend. Das bestätigte auch Friedrich-Wilhelm Hörr, Unternehmer mit Wohnsitz in Erwitzen, der den Aktionstag über die Nieheimer Bürgerstiftung unterstützt hatte und selbst vor einigen Jahren von Essen nach Erwitzen gezogen ist. „Die Grundstückspreise sind im Kreis Höxter unschlagbar. Es gibt zuverlässige Handwerksunternehmen für alle Gewerke. Hier bekommt man noch etwas fürs Geld. Die Landschaft ist obendrein wunderschön.“
Eindrucksvoll schilderte auch Dr. Tjarko Boekstegers, Zahnarzt und Rückkehrer aus Berlin, wie er nach Jahren in der Großstadt erst kürzlich in die Praxis seines Vaters in Nieheim eingestiegen ist – samt Aufbau eines eigenen Dentallabors und der Einführung modernster digitaler Technologien. Die Entscheidung zur Rückkehr aufs Land sei ihm schlussendlich nicht schwergefallen. Zum einen führten die hohen Mieten in Berlin dazu, dass sich qualifiziertes Fachpersonal in der Stadt kaum noch finden ließe und zum anderen seien Praxiserweiterungen aufgrund der Raumknappheit nahezu ausgeschlossen und unwirtschaftlich. Seine authentische, lebendige Erzählung über den Schritt in die Selbstständigkeit auf dem Land, die Verbindung von Tradition und Innovation sowie die persönlichen Beweggründe waren für die anwesenden Studierenden inspirierend.
Nach einem informativen und unterhaltsamen Vormittag wurde allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern schließlich noch ein besonderes Highlight geboten: Das Abseilen aus rund 10 Meter Höhe vom Nieheimer Wahrzeichen, dem Holsterturm. „Wenn man erst einmal über die Brüstung geklettert ist und sich dann nahezu waagerecht in das Seil legen muss, zum Glück mit dem Gesicht in Richtung Himmel, ist das Schlimmste überwunden“, so eine der begeisterten Teilnehmerinnen. Abschließend konnten sich alle noch auf dem Nieheimer Bogenschießplatz im Umgang mit Pfeil und Bogen üben und natürlich ein paar Köcher leer schießen. „Es war ein toller und rundum gelungener Tag, der Nieheim und den Kreis Höxter für die Studentinnen und Studenten von der jeweils besten Seite gezeigt hat“, urteilte Dr. Charlotte Şahin von MED OWL abschließend. Sie hatte an der Universität für diesen Aktionstag die Werbetrommel gerührt. Mit Blick auf die Zukunft erklärte Dr. Charlotte Şahin: „Wir sind mit diesem Aktionstag beim ersten Mal mit insgesamt 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, darunter 4 Medizinstudentinnen und -studenten aus Bielefeld, zugegebenermaßen klein angefangen – aber die gemachten Eindrücke, insbesondere die Fotos und Berichte, werden dazu beitragen, beim nächsten Mal noch stärker auf dieses tolle Angebot des Kreises Höxter aufmerksam machen zu können. Ein großes Dankeschön an den Kreis und die Stadtverwaltung in Nieheim, die hier gemeinsam etwas Beeindruckendes auf die Beine gestellt haben.“
Text: Johannes Schlütz, redaktionell überarbeitet von Linda Gumbiowski und Charlotte Şahin